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Perfekt belichten 2 / 5: Belichtungsmessung

Die Belichtungsmessung: Arten, Einsatz, Empfehlungen.

In “Perfekt belichten 1 / 5“, dem ersten Teil dieser Artikelserie hast du gelernt, welche Grundlagen für eine perfekte Belichtung maßgeblich sind.

Heute will ich dir erklären, mit welchen verschiedenen Methoden die Belichtungsmessung ganz praktisch durchgeführt werden kann. Denn die Kamerahersteller haben sich im Laufe der letzten Jahrzehnte so einiges einfallen lassen, damit die Belichtungsmessung immer präziser wird.

In den Optionen deiner Kamera kannst du die Art der Belichtungsmessung auswählen.

Grundsätzlich gibt es heute drei Arten der Belichtungsmessung. Einige Kamerahersteller bieten weitere Varianten der Belichtungsmessung an, die aber auf diese großen Drei zurückzuführen sind.

Leichte Modifikationen, andere Bezeichnungen bzw. kleine Änderungen in der Ausrichtung sollen einen Unterschied zu den Produkten anderer Kamerahersteller machen. So versucht sich jeder Kamerahersteller am Markt mit “einzigartigen” Produktmerkmalen von der Konkurrenz abheben – damit du seine Produkte kaufst und nicht etwa die eines anderen Herstellers.

Solltest du also Probleme mit dem Vergleich haben, lies in der Bedienungsanleitung nach und vergleiche die grundsätzliche Funktion mit den hier gemachten Angaben. Dann kommst du klar! Oder hinterlasse im Zweifel hier einen Kommentar, dann kann ich dir weiterhelfen.

Die drei Arten der Belichtungsmessung

Um dir die Unterschiede zu verdeutlichen, will ich sie dir am Beispiel von drei archetypischen Frauenzimmern aufzeigen. Nicht, weil ich ein oller Chauvi bin, sondern weil es so ungemein gut passt – und dazu einfach keine männlichen Pendants existieren. Also Ladies, nehmt es, wie es gemeint ist: Mit Humor! 😉

Da hätten wir zuerst das olle Waschweib. Mit trübem Blick und gebeugtem Rücken macht es seine Arbeit auf altbackene Art und Weise: Nicht wirklich schlecht, aber auch nicht mit besonders viel Stil – und alles andere als sexy.

Als nächstes gibt es das falsche Miststück. Es tut immer so, als wäre es die beste Freundin, aber hinter deinem Rücken (also immer dann, wenn du grad nicht hinschaust) macht sie genau das Gegenteil von dem, was sie verspricht. Und das perfide dabei: Du kannst dich nichtmal drauf verlassen. Je nach Laune ist es mal so, mal anders. Unvorhersehbar, himmelhoch falsch, nur zwischendurch aber auch mal gelegentlich super perfekt. Du kannst sie kontrollieren! Aber dafür musst du sie immer an der Hand führen und permanent hinschauen, was sie macht. Und kontrollieren, kontrollieren, kontrollieren, kontrollieren. Jederzeit, ohne Unterlass! Das ist ganz schön anstrengend…

Traumfrau gesucht! 🙂

… TATATATAAAAA ….

… TATATATATATATADADAAAAAAA …

… TADADADAAAAA …

… TADADADAAADADAAAAAA:

Auftritt: Die Traumfrau!!!

Anmutig und elegant, eine Haut wie Alabaster, eine Stimme wie die eines Engels. Mit dieser klaren Stimme sagst sie dir, was du brauchst, um dich gut zu fühlen. Dabei passt sie auf dich auf und sorgt dafür, ganz unbemerkt und nebenbei, so dass das Leben für dich zum Paradies wird. Du kannst an ihrer Seite alle Probleme des Alltags meistern, holst das Beste aus dir heraus und freust dich wie Bolle, fühlst dich wie Gott in Frankreich und ein Fisch im Wasser  – aber alles drei gleichzeitig! Was für eine Frau, oder??!

Ok, hast du’s?!

Also ich weiß nicht, wie du tickst, aber ich will die 5-Sterne-Traumfrau!!!

Jetzt bist du neugierig, wer sich wohl hinter diesen Frauen verbirgt??!!

Also öffnen wir den Vorhang:

Mittenbetonte Integralmessung

Sie ist das olle Waschweib. 🙂

Erfunden irgendwann in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist sie längst nicht mehr ganz zeitgemäß und sorgt für nur etwa 60 % korrekt belichteter Fotos. Ein Wert, der sie eigentlich vom Markt verschwinden lassen müsste. Aber da kein Hersteller den Anfang macht und diese überholte Technologie einfach weglässt, bauen alle Kamerahersteller sie einfach weiter in neue Kameras ein.

Doch wie misst sie die Belichtung?

Der Name sagt es schon: Integral. Die Integralrechnung ist (vereinfacht) eine mathematische Disziplin für die Berechnung von Flächen. Welche Fläche? Ganz einfach: Die Fläche, die du in deinem Sucher siehst, wenn du sie auf dein Motiv hältst. Und dabei geht sie mittenbetont vor. Alles klar? 😉

Ein optimales Motiv für die mittenbetonte Integralmessung: Viele Mitteltöne, wenig schwarz und weiß, kaum Kontrast.

Übersetze ich das mal in eine ganz praktische Form, dann wird es einfach. Stell dir das Motiv vor, das du in deinem Sucher siehst. Die Kamera macht daraus eine Fläche und bringt die Helligkeit dieser Fläche auf das dir bekannte Neutralgrau.

Dabei ist für sie aber die Mitte der Fläche wichtiger, als der Rand. Deshalb geht die Mitte zu 80 % in die Belichtungsmessung ein, die Randbereiche nur zu 20 %.

Damit ist die mittenbetonte Integralmessung bestens geeignet für alle Motive, die in der Mitte möglichst neutralgrau sind und deren Ränder im Optimalfall auch nicht weit davon abweichen. Also jeweils in der Mischung zum Neutralgrau – du erinnerst dich??!

Doch wie oft hast du solch ein Motiv??? Sobald du ein helleres oder dunkleres Motiv, extreme Kontraste, Gegenlicht oder Landschaften fotografierst, bist du ganz schnell mit einer Fehlbelichtung dabei. Also wird NICHT perfekt belichtet!

Weil das so ist, geraten etwa nur 60 % aller Motive gut. Es gab mal Zeiten, da war das akzeptabel bzw. ein großer Fortschritt. Aber diese Zeiten sind längst vorbei!!!!

Meine Empfehlung: Lass die mittenbetonte Integralmessung links liegen. Das olle Waschweib stinkt! 😉

 

Spotmessung (Selektivmessung)

Sie ist das falsche Miststück. 🙂

Bei der Spot- bzw.  Selektivmessung verspricht dir die Bedienungsanleitung sehr viel genauere Ergebnisse, als mit allen anderen Messarten. Du nutzt nur noch einen ganz klitzekleinen Punkt für die Belichtungsmessung. Und weil der so klein ist, ist das alles sooooo präzise.

So sollte ein Foto von diesem Motiv aussehen: Nicht zu hell, nicht zu dunkel.

Denkste!!!

Das klingt doch alles total toll, oder? In Wirklichkeit ist diese Belichtungmessung ein Quell der Verschlimmbesserung. Klar, du kannst damit präziser die Belichtung messen. Aber nur, wenn du mit dem Messpunkt etwas anmisst, das 100%ig neutralgrau ist. Logisch, oder??! Nur dann wird die Kamera richtig belichten!!!!

Doch kannst du draußen in Wald und Flur immer genau etwas anmessen, das 100% neutralgrau ist?? Ich wette nicht! Denn dafür brauchst du jahrelange Erfahrung, musst lange üben und beurteilen lernen, ob ein Motivteil nun wirklich 100% genau neutralgrau ist oder nicht.

Wenn du das nach vielen Jahren endlich gelernt haben solltest, sieht die richtige Arbeitsweise sieht dann so aus:

Eine zu helle Stelle (siehe Pfeil) anmessen? Unterbelichtung ist garantiert!

Arbeitsweise mit der Spotmessung

  1. Suche und finde etwas Neutralgraues (was, wenn z.B. in deiner Schneelandschaft kein Punkt so dunkel ist…???!)
  2. Visiere dieses Motivteil genau mit dem Messpunkt an (keinesfalls willst du einen anderen, helleren oder dunkleren Motivteil mit anvisieren!!!)
  3. Speichere die Belichtung (ob mit dem Messwertspeicher oder manuell ist mir egal)
  4. Wähle nun den Ausschnitt so, wie du ihn haben möchtest (denn meist liegt das neutralgraue Motivteil nicht gerade zufällig unter dem Messpunkt) und …
  5. … mach endlich dein Foto.
  6. Am Ende willst du immer Bildkontrolle betreiben.
Auch eine zu dunkle, angemessene Stelle führt zu einer Fehlbelichtung.

Gar nicht kompliziert, oder? (Das war jetzt ironisch gemeint!!!)

Diesen Vorgang musst du ohne Abweichungen bei jedem Foto genau so anwenden.

Wenn du ganz unbedarft einfach “irgendwas” anmisst oder einfach nicht darauf achtest, hast du sofort eine Falschbelichtung. Sollte das angemessene Motivteil zu dunkel sein, wird das Foto überbelichtet. Ist es jedoch zu hell, wird dein Foto unterbelichtet.

Das willst du alles nicht: Ständig aufpassen, das die Belichtungsmessung korrekt gemessen wird.

Deshalb meine Empfehlung: Die Spotmessung ist ein unzuverlässiges Miststück – damit willst du dich nicht abgeben!

Denn du kannst es anders haben:

 

Matrixmessung (Mehrfeldmessung)

Auch, wenn du gleich unten erfährst, dass solche Motive im Gegenlicht eine manuelle Korrektur erfordern: Die zugrunde liegende Belichtungsmessung machst du am besten mit der Matrixmessung!

Die Traumfrau! Endlich! 🙂

Die Matrixmessung, auch Mehrfeldmessung genannt, misst an 5 oder mehr Stellen im Motiv die Belichtung. Um es zu vereinfachen, erkläre ich es mal mit 5 Messpunkten:

Sie misst in der Mitte, links oben, links unten, rechts oben und rechts unten. Aus diesen 5 Messwerten bildet sie dann einen Mittelwert. Und jetzt kommt die zusätzliche Intelligenz dieses System zur Wirkung: Sollte einer der Messpunkte extrem von den anderen abweichen, wird er aus der Ermittlung der richtigen Belichtung herausgelassen. Warum? Weil sich in diesem Messbereich mit höchster Wahrscheinlichkeit die Sonne befindet. Und damit diese nicht zu einer massiven Unterbelichtung führt (weil sich die Kamera von der Sonne geblendet fühlt), wird sie einfach weg gelassen.

Und, wirkt’s? Jawoll! 🙂

Seit diese Messmethode in den 90er Jahren eingeführt wurde, werden ca. 90 % aller Fotos einfach so perfekt belichtet. Geil, oder?
Und weil das so ist, ist die Matrixmessung bei allen Kameras, die ich in den letzten 20 Jahren in den Händen hatte, ab Werk voreingestellt.

Aus gutem Grund!

Meine Empfehlung: Lass die Matrixmessung einfach eingestellt, mit so einer sexy Super-Mega-Traumfrau am Arm zeigt man sich doch gerne in der Öffentlichkeit, oder?! 😉

Der Beweis

Zum Beweis, dass die Matrixmessung die Richtige ist, mache ich jetzt etwas, was ich sonst niemals tun würde: Ich zeige dir einen kompletten Lightroom-Katalog. Hier siehst du alle Fotos, und zwar unbearbeitet. Die Aufnahmen wurden während eines Privaturlaubs auf Island erstellt.

Ausnahmslos kam dabei die Zeitautoamtik in Verbindung mit der Matrixmessung zum Einsatz.

Achte mal darauf, ob es massiv über- oder unterbelichtete Fotos gibt. Du wirst sehen, dass das extrem selten der Fall ist. Statt dessen sind alle Fotos perfekt oder zumindest einigermaßen korrekt belichtet. Als Ausgangsbasis für die Bildbearbeitung in Lightroom also beste Voraussetzungen.

 

Belichtungsmessung: Fazit und Kritik

Ich mache es kurz: Es gibt keinen guten Grund, eine andere Belichtungsmessart als die Matrixmessung (Mehrfeldmessung) einzustellen. Mit 90 % Trefferquote perfekt belichteter Fotos ist sie eine der Grundsäulen deiner fotografischen Arbeit.

In Kombination mit einer Automatik (Perfekt belichten 3 / 5) erhältst du so technisch einwandfreie Fotos – in immerhin 90 % aller Fälle.

Motive, bei denen du gegen das Licht fotografierst, müssen manuell korrigiert werden.

Aaaaaber: Was ist mit den restlichen 10 % der Fotos???

Bei denen musst du manuell eingreifen.

Das betrifft sehr helle, sehr dunkle und extrem kontrastreiche Motive, oder Motive im Gegenlicht. Eben alle Motive, die nicht “durchschnittlich” sind.

Wie du diese Fotos am besten fotografierst, das erkläre ich dir im Artikel “Perfekt belichten 4 / 5: Manuelle Belichtungskorrektur“.

Probier aus, was ich dir hier erkläre. Und hinterlasse unbedingt deinen Kommentar und deine Fragen hier unten auf der Seite.

Ich freue mich drauf! .-)

14 Kommentare

  1. Annette

    Lieber Karsten,

    ich möchte mich hier in aller Form beschwerden. Du hättest wirklich auch mal einen Traumtypen nehmen können :O))).
    Super Artikel, sehr informativ !!! Danke !!

    Schöne Weihnachtstage – freue mich auf Teil 3
    LG Annette

    • Ja, hätte ich. Aber welche Pendants für die anderen beiden fallen dir dann ein??
      Ich hab einfach drauf vertraut, dass ihr Frauen das schon hinbekommt. Wer Multitasking kann und Kinder auf die Welt bringt, bekommt auch das hin! 😉
      DIr ebenfalls ein schönes Fest. 🙂

  2. Katja

    Hallo Karsten,
    nach Teil 1 wurde grad auch Teil 2 verschlungen. Toll, wie anschaulich Du die scheinbar kompliziertesten Einstellungen erklären kannst! Ich freue mich schon auf die restlichen Teile der Blogreihe! Vielen Dank!
    Viele Grüße und frohe Weihnachten!
    Katja

    • Danke für das Lob, ich gebe ja auch mein Bestes! 🙂 Du kannst dir nicht vorstellen, wie schwierig es manchmal ist, etwas ganz einfach einfach zu machen.
      Aber das hinter-komplizierten-Begriffen-verstecken überlasse ich gerne anderen! 🙂
      Dir ebenfalls schöne Weihnachten und all das. 🙂

  3. Hermann Winkelmann

    Hallo Karsten
    Danke für die vielen Tipps und Tricks über das gesamte Jahr.
    Wünsche dir und deiner Familie ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein friedvolles Jahr 2017

    Grüße von Hermann mit Familie

    • Dank dir, Hermann. Das wünsche ich dir und deinen Lieben ebenfalls. 🙂

  4. Brigitte

    Endlich weiß ich jetzt Bescheid – danke für diesen – ich nenne es mal einfach so – “Traummann” der Matrixmessung!
    Grüße

  5. Manuel

    Hallo Karsten,

    ironisch ist, dass ich wegen schlechter Erfahrungen mit der Matrixmessung (vor ewigen Zeiten mit einer Konica-Minolta DiMAGE Z10, wenn ich mich recht erinnere), diese bei meinen folgenden Kameras (eigentlich nur Singular) immer gemieden habe und mich dann mit Mittenbetont oder Spotmessung arrangiert habe. Ich denke, die meisten meiner Bilder sind dennoch gut belichtet, aber spätestens mit der neuen Kamera, die hoffentlich heute endlich verschickt wird, werde ich dann wohl der Matrix eine neue Chance geben. 😀

    Viele Grüße

    Manuel

    • Ja, versuch’s mal und berichte! 🙂

  6. Simon

    Hi Karsten! Kurz gesagt, einen brauchbareren Artikel zur kamerainternen Belichtungsmessung hab ich bisher nicht gefunden. Ich hab die Matrixmessung immer vermieden weil ich keine wirklich erhellende Erläuterung dazu fand, was da wie eigentlich funktioniert, und mich daher an die Spotmessung im manuellen Modus gehalten, mit Messung des möglichst hellsten Punkts und Zugabe oder Abzug an Belichtungszeit, je nachdem ob der geschätzt hellste Punkt sehr hell oder eher dunkel ist. Jetzt hab ich die Matrixmessung im A-Modus im teilbeleuchteten Zimmer mal ausprobiert und die ersten Ergebnisse sind sehr brauchbar, scheint recht verlässlich zu sein und das lästige Anpeilen des vermeintlich hellsten Punkts (unter Vermeidung extrem heller Lichtquellen) entfällt. Die manuelle Korrektur wie oben beschrieben bleibt dieselbe, je nach Situation, doch die Frickelei fällt weg.

    Danke und Gruß, Simon.

    • Na wunderbar, dass du damit klarkommst! 🙂

  7. Andy

    Guten Abend Karsten ,

    Dein Artikel ist natürlich mal wieder klasse !

    zum Thema Belichtungsmessung habe ich neulich gehört/gelesen, dass es dafür sogar Handy-apps gibt, Hast Du damit schon Erfahrungen über Sinn/Unsinn gemacht bzw. kannst sowas empfehlen ?

    Danke und Grüße
    Andy

    • Hallo Andy,

      danke dir. Ja, ich weiß, dass es das gibt. Z.B. den Luxi.
      Ich habe aber keine Erfahrungen damit.

      Womit ich aber reichlich Erfahrungen habe, sind richtige Belichtungsmesser. Und für etwas mehr Geld erhältst du einen richtigen, z.B. den Sekonic. Der funktioniert aber, wie auch der Luxi, nicht für Blitz, da muss es dann schon ein guter Belichtungsmesser sein. Den Mehrwert, den diese Geräte bieten ist, dass du nebenbei noch ein gutes Gefühl für die Zusammenhänge erhältst und du wirklich jede noch so schwierige Beleuchtungssituation meisterst. Kann ich nur empfehlen! 🙂

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