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Bildstabilisator Test: Muss der Stabi auf dem Stativ AUS?

In diesem Bildstabilisator Test zeige ich dir, warum du ihn beim Einsatz der Kamera auf einem Stativ immer ausschalten musst.

Vielleicht interessiert dich auch der erste Test des Bildstabilisators.

Doch zuerst muss ich noch eine Lanze für den Bildstabilisator brechen:

Der Bildstabilisator in seinem natürlichen Lebensraum

Kennst du noch den Grzimek? Bei dem finge das Loblied auf den Bildstabilisator ungefähr so an:

“Der Bildstabilisator lebt vorne links am Objektiv, bei manchen Kameras findet der kleine Kerl aber auch in der Kamera ein Plätzchen, um sein ruheloses Leben zu fristen. Er unterstützt dich immer dann, wenn die erbarmungslose Dunkelheit ein Belichten aus der Hand schwierig macht. Das possierliche Tierchen nutzt dann ein bewegliches Linsenelement oder einen beweglich gelagerten Sensor, um das Wackeln deiner Hand auszugleichen.”

Ja, so ist es!

Und das macht er gut. Denn immer, wenn du die Kamera bei wenig Licht aus der Hand auslöst, kann es zu Verwacklungen kommen. Das ist ähnlich wie beim Fernglas: Wenn du durch ein Fernglss siehst, kannst du dich noch so sehr bemühen, möglichst ruhig zu halten – es wackelt immer! Schließlich siehst du dir etwas sehr weit Entferntes stark vergrößert an. Jedes Wackeln am Fernglas um einen Millimeter schaukelt sich in der Ferne gleich zu ein paar Metern auf.

Welchen Rückschluss können wir aus dieser Info ziehen? Vor allem bei sehr langen Belichtungszeiten ist ein Verwackeln wahrscheinlich. Viel eher, als bei kurzen Brennweiten.

Schau mal, ich habe dir ein kurzes Video aufgenommen – da wackelt praktisch gar nichts, obwohl ich es aus der Hand gedreht habe:

Schauen wir uns also an, wann und wo der Bildstabilisator gute Arbeit leistet – und wann du ihn ausschalten willst.

 

Der Bildstabilisator bei genügend Licht

Tagsüber kannst du den Bildstabilisator einfach angeschaltet lassen. Er stört dann nicht, denn die Belichtungszeiten sind ohnehin so kurz, dass du üblicherweise nicht verwackelst.

Solche Fotos, wie das folgende, wirst du wahrscheinlich schon massenhaft fotografiert haben, oder?

Dabei musst du den Bildstabilisator nicht ausschalten, wie du an den beiden Bildausschnitten siehst. Sie sind absolut identisch, obwohl für den Ausschnitt rechts der Bildstabilisator eingeschaltet war.

 

Der Bildstabilisator in der Dämmerung

Jetzt wird es spannend! Es dämmert, das Licht wird weniger und die Belichtungszeiten werden immer länger.

Aber ich versuche weiterhin, aus der Hand zu fotografieren.

Damit es auch schön wackelt, habe ich mich für mein längstes Tele entschieden, das Sigma 150 – 600 mm. Eine tolle Optik! 🙂

Fangen wir locker an: Die Werte für das folgende Foto sind 150 mm an Vollformat, Blende 5,6, ISO 800 und 1/10 sec. Bildstabilisator an.

Unfassbar!!! Nach der Kehrwertregel dürfte ich als längste Belichtungszeit maximal 1/150 sec einsetzen, besser noch kürzer. Aber mit 1/10 sec habe ich glatt 15 mal so lang belichtet – ein Traum! 🙂

Hier siehst du Ausschnitte aus dem Foto oben (links) und dem Foto, das ich ohne Bildstabilisator gemacht habe. Welch ein Unterschied, oder?

Es wurde dunkler und die Belichtungszeiten länger, genau wie die Brennweite. Ich habe einfach mal auf die Straßenlaternen gehalten.

Die Werte für das folgende Foto: 550 mm an Vollformat, Blende 6,4, ISO 2000, 1/6 sec.

Wieder zeige ich dir einen Ausschnitt aus zwei Fotos, du ahnst schon, welches mit dem Bildstabilisator gemacht wurde, oder?

Ich weiß, selbst das mit Bildstabilisator ist nicht 100%ig scharf. Aber ich habe 1/6 sec belichtet, statt die nach der Kehrwertregel mindestens geforderten 1/550 sec!!!

Das ist fast 100-mal länger, als eigentlich sinnvoll!

O.k., damit sollte klar sein, dass du beim Neukauf eines Teleobjektives auf jeden Fall darauf achten solltest, dass es einen Bildstabilisator mitbringt. Das rettet dir in der Dämmerung oder in Räumen manches Mal den Allerwertesten.

Bei Weitwinkel- oder Universalzooms ist er nicht ganz so wichtig – darauf verzichten würde ich aber trotzdem nicht unbedingt.

Nun schauen wir uns einen weiteren Anwendungsfall an, in dem der Bildstabilisator zwar häufig genutzt wird, aber eigentlich abgeschaltet gehört: Der Einsatz der Kamera auf einem Stativ! Übrigens setze ich alles, was wie ein Stativ wirkt – also die Kamera wirklich ruhig hält – einem echten Stativ gleich. Also z. B. eine Mauer, auf der du die Kamera ablegst, ein Beanbag, oder was auch immer deine Kamera ruhig hält.

In meinem ersten Anlauf konnte ich den Bildstabilisator nicht verführen, tagsüber sein Fehlverhalten zu zeigen. Es lag wohl an den zu kurzen Brennweiten.

 

Der Bildstabilisator Test bei Nacht

Am Ende der Dämmerung und nachts geht nichts mehr ohne Stativ. Da kannst du deine Blende noch so weit öffnen, den ISO-Wert hochschrauben so weit es geht, es nützt nichts: Das Licht ist einfach viel zu schwach, um aus der Hand zu fotografieren. Und erst recht, wenn du eine lange Brennweite nutzt.

Schauen wir uns also an, was passiert, wenn du den Bildstabilisator eingeschaltet lässt.

Beispiel 1

So wie im folgenden Foto schaut es aus, wenn du vom Stativ bei ausgeschaltetem Bildstabilisator fotografierst. Die Werte: 390 mm an Vollformat, Blende 11, ISO 160, 4 sec. Das ist nicht schwer, jede Zeitautomatik macht dir solch ein Foto.

Doch sobald der Bildstabilisator an ist, sieht das Ergebnis so aus:

Das willst du nicht, oder??!!!

 

Beispiel 2

Hier siehst du mal live und in Farbe, wie der Bildstabilisator die Bilder verwischt: Ich habe dir ein Video erstellt und den Bildstabi angelassen.

Außerdem habe ich dir eine weiße Hilfslinie im Bild platziert, die ich nicht mitgefilmt, sondern später am Computer über das Video gelegt habe. Also kannst am Abstand zwischen Hilfslinie und Lampe sehr gut sehen, wie stark sich der Bildstabilisator bewegt. Achte dazu auf die Oberkante der 6. blaue Lampe von rechts.

Wahnsinn, oder?

Als ich anfing mit meinen Recherchen zum Bildstabilisator, hätte ich nie gedacht, dass das so viel ausmacht!

Und hier die Fotos, die ich dann mit und ohne Bildstabilisator gemacht habe. Die Werte: 600 mm Brennweite an Vollformat, Blende 11, ISO 800, 1 sec.

OHNE Bildstabilisator

 

MIT Bildstabilisator

 

Bildstabilisator Test: Fazit

Aus diesem Bildstabilisator Test kannst du folgenden Kenntnisgewinn verbuchen:

  • Tagsüber hast du oft so kurze Belichtungszeiten, dass du den Bildstabilisator einfach angeschaltet lassen kannst. Er stört nicht.
  • Wenn du in der Dämmerung oder in Räumen aus der Hand fotografierst, hast du wegen des wenigen Lichts mit langen Belichtungszeiten zu kämpfen. Ein Bildstabilisator hilft dir dabei, diese ohne größere Verwacklungen auch aus der Hand zu halten.
  • Generell gilt: Weitwinkel-Brennweiten sind deutlich weniger für die Bewegungen des Bildstabilisators anfällig  als Telebrennweiten. Das gilt bei viel Licht, wirkt sich aber bei wenig Licht umso schlimmer aus.
  • Sobald die Kamera auf einem Stativ befestigt ist, willst du unbedingt immer den Bildstabilisator ausschalten. Du kannst Glück haben – vor allem beim Einsatz eines Weitwinkels – und er verwackelt deine Fotos nicht. In den meisten Fällen aber wird er das tun, also schalte ihn auf dem Stativ ab!

Ich zumindest werde auch in Zukunft in meinen Fotokursen den Teilnehmern raten, den Bildstabilisator AUSZUSCHALTEN.

 

Schwarmwissen-Problemlösekompetenz

Nach meinem ersten Bericht haben viele kommentiert, dass sie den Bildstabi oft vergessen. Die dann entstehenden Fotos werden einfach gelöscht. Kann man machen. Aber was, wenn von einem Motiv gar kein Foto scharf wird?

Stell dir vor, du fotografierst die Freiheitsstatue bei Nacht und keines deiner Fotos wird was, nur weil der Bildstabilisator eingeschaltet war??! Das ist doch höchst unbefriedigend!!! Fährst du dann wieder da hin?

Das Vergessen scheint also unser größter Feind zu sein. Wie verhindern wir das in alle Zukunft?

Deshalb habe ich eine Frage an dich:

Kennst du eine Lösung, die dafür sorgt, dass du nicht mehr vergisst, den Bildstabilisator auszuschalten, sobald die Kamera auf dem Stativ steht?

Praktisch wäre ja ein Knoten im Stativ. 😉

Aber das geht sicherlich eleganter. Also lass mich in einem Kommentar wissen, wie du dich selbst daran erinnerst, den Stabi auszuschalten.

 

 

12 Kommentare

  1. Jörg Jörg

    Hallo Karsten, da bist mir zuvor gekommen. Also nun ist klar: Stabi aus beim Stativeinsatz. Nun zu deiner Frage: Ich mache das meiner Sony Alpha 68 so: Die Kamera stellt zwei Templates zur Verfügung, wobei ich die Nummer 2 mit der Zeitautomatik ohne Stabi programmiert habe, während Template 1 die Zeitautomatik mit Stabi ist. Also freihändige Foto Programm 1 und Stativeinsatz Programm 2.

    Ist auch nicht 100 Prozent sicher, aber klappt ganz gut. Vielleicht gibt eine solche Möglichkeit auch bei anderen Kameramodellen?

    LG Jörg

    • Hey Jörg, das ist eine gute Idee! 🙂
      Bei anderen Kameras nennt sich das Voreinstellungen, Individualkonfiguration oder Preset. Bei meiner kann ich dann A, B, C und D jeweils unterschiedlich “programmieren”, um für immer wiederkehrende Motive alle jeweils gewünschten Einstellungen mit einem Umstellen einzustellen.
      Doch auch da musst du dran denken, das zu nutzen, wenn die Kamera auf das Stativ kommt. :-/

  2. Marc F. Marc F.

    Hi Karsten!
    Toll, dass Du so viel Zeit und Energie in Deine Ausführungen steckst. Dafür fällt es uns Lesern dann auch leicht, Dir folgen zu können – auch ohne Fotografiestudium. Danke an den „Erklär-Bär“. :o)

  3. Thomas Wilde (TOM) Thomas Wilde (TOM)

    1. Werde mir einen Zettel schreiben auf dem draufsteht “Wenn Kamera auf dem Stativ ist muss der Stabilisator ausgeschaltet werden.”
    2. Damit ich den Zettel wieder finde kaufe ich mir so ein Ginsing-Präpärat aus der Apotheke.
    3. Einmal im Jahr werde ich bei dir einen Fortgeschrittenen-Kurs machen.

    Grins 🙂
    Neee, durch hören bei dir im Kurs, lesen im Newsletter und durch eigene praktische Erfahrung hat sich’s bei mir eingebrannt.
    Für jemandem der es sich wirklich nicht merken kann vieleicht einen Hinweis “Stabi AUS” auf jede Stativplatte kleben.

    • Haha Tom, Gingseng … wie geil! 🙂
      Gute Idee mit der Stativplatte. Aber was, wenn die schon an der Kamera befestigt ist?! Dann müsste das auf jeden Fall unter die Platte!!
      Oder noch besser gleich auf den Stativkopf, wo die Platte reinkommt. Ja, das wäre doch was!! 🙂

    • Reiner Oswald Reiner Oswald

      Hi Thomas,

      bitte dann auf einen anderen Zettel schreiben: Taschenlampe mitnehmen zum lesen des Zettels auf dem Stativ, wenn es dunkel ist
      :-))

      Gruß
      Reiner

      • Genau!! Und vergiss den Zettel nicht, der auf deiner Kameratasche klebt, damit du ne Taschenlampe mitnimmst! 😉

        Neee, im Ernst: Ne Taschenlampe, so eine ganz kleine, gehört doch zur Grundausstattung einer Kameratasche, oder?!

        • Reiner Oswald Reiner Oswald

          Karsten du hast recht:
          Speziell bei Nachtaufnahmen ist eine Lampe wirklich eine große Hilfe und gehört zur absoluten Grundausstattung. Sehr gut eine Stirnleuchte, die auch rotes Licht abgibt. Beim Fotografieren in der Nacht mit mehreren Leuten stört das rote Licht kaum und gibt kein ungewolltes Fremdlicht in fremde Objektive.

          • Alter U-Bootfahrer-Trick, das mit dem Rotlicht. 🙂
            Obwohl ich ja Stirnlampen immer etwas overdosed finde. Aber die Taschenlampe zwischen den Zähnen … ob ich damit besser ausseh?! 😉

  4. Hannelore Hannelore

    Hallo Karsten,
    hier möchte ich dir mal herzlich danken für deine eindringliche Mahnung, den Stabi bei Aufnahmen mit Stativ auszuschalten. Das war mir neu. Immer wieder ärgerte ich mich, dass trotz sorgfältigster Scharfstellung auf genau den Punkt, der bei meinen Makros scharf sein sollte, der Schärfepunkt öfter mal verrutscht war. Da ich immer mit Funkfernbedienung Makros mache, konnte es nicht am Auslösen liegen. Jetzt bin ich schlauer. Ein paar Makroaufnahmen, die ich heute gemacht habe, ohne Stabi, sind tadellos scharf gestellt. DANKE. L.G.

    • Gerne, Hannelore. 🙂
      Manchmal sind es die Kleinigkeiten… 🙂

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